Markus Lanz an Gate C16

Gestern saß ich an Gate C16 des Hamburger Flughafens und wartete darauf, dass das Boarding für meinen Flug nach Luxemburg beginnen würde. Mir quer gegenüber saß eine gut aussehende junge Frau im Business-Outfit, den geöffneten Laptop auf den Knien, offensichtlich in ihre Arbeit versunken. Ich würde sie auf 28 Jahre schätzen. Ich bin neugierig und ich beobachte gerne – ein höchst informativer aber auch unterhaltsamer und damit idealer Zeitvertreib für die verbleibende Wartezeit. Also nahm ich die Dame gegenüber unauffällig ins Visier. Es dauerte nicht lange und meine Neugier wurde belohnt.

Zwei Reihen weiter stand ein ebenfalls gut aussehender Herr – Typ Markus Lanz würde ich sagen – im gut sitzenden und offensichtlich teuren Anzug auf und steuerte zielstrebig und selbstbewusst auf die Dame zu. Es folgte ein kurzes Gespräch, das damit endete, dass sie sich leicht genervt wieder ihrem Laptop widmete und zusätzlich das Headset an ihr Ohr stöpselte – ohne jedoch in dieses zu sprechen. Und er? Er drehte erfolglos und etwas enttäuscht wirkend wieder in Richtung seines ursprünglichen Sitzplatzes ab.

Mir fiel auf, dass die Frau an ihrem linken Ringfinger einen Ring trug, der eine hohe Ähnlichkeit mit dem Verlobungsring von Tiffany’s hatte, mit dem mein Freund neulich seiner jetzigen Verlobten einen Antrag gemacht hatte. Die für mich naheliegendste Vermutung war daher, dass die hübsche Dame vom Sitz gegenüber in festen Händen und deshalb gänzlich uninteressiert an männlichem Kontakt war.

Doch was passierte? Ein Mann, der am Gate nebenan auf seinen Flug nach Palma de Mallorca wartete und mit dem Rücken zu der Frau saß, drehte sich um und sagte: „Ich muss mich für meinen Artgenossen entschuldigen – seien Sie ihm nicht böse, er war verständlicher Weise nervös. Nicht oft sieht man eine so attraktive Frau, das ist man als Mann einfach nicht gewöhnt.“ Dabei zwinkerte er ihr verschwörerisch unter seinem Strohhut zu, der sein zugegebenermaßen wenig stilsicheres Urlaubsoutfit bestens komplettierte. Die beiden begannen ein Gespräch. Die junge Frau stöpselte das Headset ab und der Laptop lag unbeachtet auf ihrem Schoß.

Wie es weiterging, konnte ich leider nicht verfolgen. Was diese Situation aber wieder einmal gezeigt hat, ist, dass es fast immer einen Weg gibt, das eigene Ziel zu erreichen. In diesem Fall, zunächst in einen gemeinsamen Kontakt zu kommen.

Was machte den Weg von Mr. Palma im Gegensatz zum ersten Annährungsversuch erfolgreich? An seinem Aussehen konnte es nicht liegen, sofern wir der jungen Dame nicht ein Faible für Ballermann-Outfits unterstellen. Vielmehr wartete er bewusst den Flirtversuch des Konkurrenten ab, bevor er selber sein Glück versuchte. Er verband so gezielt den strategisch richtigen Zeitpunkt mit der für ihn kommunikativ Erfolg versprechensten Vorgehensweise.

Die erfolgreiche Kontaktaufnahme von Mr. Palma zeigt, dass auch der erste Interessent grundsätzlich mit der jungen Frau ins Gespräch hätte kommen können – hätte er ebenfalls eine auf seinen Moment abgestimmte kommunikative Strategie verfolgt. Ein missglückter Flirtversuch lässt sich sicherlich leicht verkraften. Was für Konsequenzen hätte es jedoch, wenn es in diesem Moment nicht um den eher unbedeutenden Kontakt zu einer unbekannten Frau gegangen wäre? Was wäre, wenn es sich hierbei um die eine, nicht wiederkehrende Möglichkeit gehandelt hätte, ein neues Geschäft zu akquirieren oder aber um das eine Gespräch, in dem es final um die eigene Position im Unternehmen oder im Gesellschafterkreis geht? Gehen Menschen in diesen für sie wichtigen Situationen stets besser vorbereitet und strategisch sinnvoller an ihr Ziel heran als im Falle des Markus Lanz-Doubles und dieser Frau am Gate? Vielleicht ja. Vielleicht aber auch öfter einmal nicht. Gerade dann oft nicht, wenn Stress und unbekannte Situationen, die die Grenzen des normalen Arbeitsalltags sprengen, gemeinsam auftreten. Dann fehlen häufig die notwendige Kreativität und der Überblick, um spielerisch die richtige Ansprache, den passenden Zeitpunkt und den richtigen Abschluss finden zu können. Dies gilt in privaten wie in beruflichen Herausforderungen gleichermaßen.

Verlassen Sie sich einzig auf eine einzelne, vermeintlich sicheren Erfolg versprechende Eigenschaft – wie unser Markus Lanz-Kandidat auf sein gutes Aussehen – dann wird Sie diese eine isolierte Eigenschaft manchmal, aber jedoch nicht geplant und regelmäßig an Ihr Ziel bringen. So wie auch Kandidat eins bei seinem Ziel Kontaktaufnahme am Flughafen scheiterte.

In diesem Beispiel handelt es sich um eine Gegebenheit des Privatlebens. Die gleichen Mechanismen lassen sich glücklicherweise auch auf das Geschäftsleben übertragen. Strategische Kommunikation ist wie ein Puzzle, das – unter Berücksichtigung aller Umweltfaktoren – neu zusammengesetzt erstaunliche Ergebnisse erzielen kann. Strategische Kommunikation ist immer individuell, sie ist immer auf die jeweilige Situation angepasst und sie wird immer einer übergeordneten zielorientierten Strategie unterworfen sein. Genießen Sie einfach die Möglichkeiten und die Facetten strategischer Kommunikation, die gerade dann erstaunliche Ergebnisse ermöglicht, wenn niemand damit rechnet.